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Perspektiven schaffen

Das Fasten ist eine Übung, die in vielen Kulturen weit verbreitet ist. Ob religiös, medizinisch oder politisch motiviert, der zeitlich begrenzte Verzicht auf etwas dient dazu, den eingefahrenen Alltag zu durchbrechen. So wird der eigene Geist aus seiner üblichen Haltung herausgerissen und kann neue Gedanken fassen. Erst danach lässt sich auch Verhalten ändern. Wie erfolgreich diese Methode ist, erleben wir dank der Corona-Pandemie nun seit fast einem Jahr. Unser ganzer Alltag wurde über den Haufen geworfen und musste von jetzt auf gleich neu gedacht werden.

Oberbürgermeister Dr. Uwe Kirschstein vor dem Rathaus

Dr. Uwe Kirschstein Foto: Sabrina Friedrich

Dies zwingt zu ständigen Verhaltensanpassungen, was für uns alle natürlich unendlich anstrengend ist. Die Frage nach dem "was-geht-und-was-geht-gerade-nicht" hält viele insbesondere bei den sozialen Kontakten in Atem. Schließlich hat kaum jemand Erfahrung mit "Kontaktfasten". Wie soll menschliche Nähe eigentlich funktionieren, wenn man sich nicht wirklich sehen und berühren darf? Wen vermisse ich und wer fehlt mir nicht wirklich? Wie viel Einsamkeit brauche ich eigentlich zum Glücklichsein?

So bietet uns die Corona-Pandemie eben auch die Möglichkeit der wertvollen Erkenntnisse. Um jedoch wirklich fruchtbar zu sein, müssen diese irgendwann in einen neuen Alltag integriert werden. Ich denke, wir brauchen derzeit keine Diskussionen über mögliche Ausstiegsszenarien, weil es in absehbarer Zeit keinen Ausstieg geben wird. Corona wird uns nach meiner Einschätzung noch sehr viel länger beschäftigen, als heute viele in Deutschland und weltweit erhoffen. Was wir aus meiner Sicht folglich wirklich benötigen, sind vernünftige Perspektiven, wie man mit einer Corona-Zukunft menschliche Kontakte gewährleisten und sicher gestalten kann, um so wieder Bildung und eine möglichst große Bandbreite an sozialem Leben dauerhaft zuzulassen.

Ihr
Dr. Uwe Kirschstein
Oberbürgermeister