"Corona"-Bilanz: Die Rückkehr zum Schulalltag wird allerhöchste Zeit

In der Politik gibt es aus Mediensicht gerne eine legendäre 100-Tage-Grenze. Man will kurz innehalten und eine erste Bilanz nach einer Wahl ziehen. Warum sich das so etabliert hat, vermag ich nicht zu sagen. Dieses fiktive Datum liegt in der kommenden, der zweiten Woche der Sommerferien. Aber was kann nach 100 Tagen bilanziert werden, wo doch die normale Probezeit im neuen Job sechs Monate beträgt?

Es sind jedoch bereits mehr als 100 Tage seit dem Corona-Lockdown vergangen. Wollen wir auch hier einmal kurz Bilanz ziehen? Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Wie läuft es bei Ihnen zuhause? Sind Sie im Home-Office? Sind Sie in Kurzarbeit? Oder gar Vollzeit in einem system-relevanten Beruf? Haben Sie schulpflichtige Kinder? Stichwort Homeschooling: ich bin mir sicher, die Lehrer*innen Ihrer Kinder haben mit großem Engagement und viel Kreativität versucht, unter den bekannten Umständen, das jeweils Beste zu ermöglichen – und dennoch gibt es vielerlei Unterschiede.

Oberbürgermeister Dr. Uwe Kirschstein

„Homeschooling? Das läuft bei uns gut. Das macht meine Frau.“ So oder so ähnlich dürften sich in den vergangenen Monaten einige Familienväter geäußert haben. Studien hierzu zeigten nämlich eindeutig, dass Haushalt und Homeschooling überwiegend von Frauen übernommen wurden. Die Soziologin Jutta Allmendinger spricht gar von einem Rückfall in alte Rollenbilder, der die Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurückwerfe. Denn neben Haushalt und Homeschooling bleibt kaum ernsthaft Zeit für die eigene Berufsausübung. Im Homeoffice lässt sich vielleicht noch Homeschooling koordinieren. Was aber, wenn Homeoffice nicht möglich ist? Sitzt dann das Grundschulkind zuhause alleine vor dem Laptop? Wohl kaum. In der Folge dürften insbesondere viele Frauen beruflich zurückgesteckt haben.
Wie mir im persönlichen Gespräch berichtet wurde, hatte die Leitung einer Forchheimer Schule einer Mutter unverblümt empfohlen: „Wenn Sie Ihren Beruf und Homeschooling zeitlich nicht hinbekommen, dann melden Sie doch bei Ihrem Arbeitgeber Kurzarbeit an!“

Deshalb habe ich mit Freude die Ankündigung aus der Kultusministerkonferenz vom 15.07.2020 aufgenommen, dass nach den Sommerferien bundesweit zum Regelbetrieb in den Schulen zurückgekehrt werden soll. Vom bayerischen Freistaat erwarte ich, dass auch bei uns nach den Sommerferien wieder Schule stattfinden kann. Mit allem, was zur Schule dazugehört: verlässliche Schulzeiten, so dass auch Mütter und Väter dem eigenen Arbeitgeber ihre Arbeitskraft zusichern können. Die notwendige soziale Interaktion unter den Schüler*innen selbst, aber auch gemeinsame Lehr-Lern-Methoden mit Schulkamerad*innen und Lehrer*innen im persönlichen Austausch. Das ist eben genau nicht der Frontalunterricht in der Vorstellung des Nürnberger Trichters – denn auch dies entstammt einer Vorstellung vergangener Jahrzehnte.

Zum ersten Schultag nach den Ferien wird der Lockdown fast 180 Tage zurückliegen. Die sechs Monate Probezeit sind also vorbei. Corona dominiert nicht länger unseren Alltag. Es ist allerhöchste Zeit.

Ihr

Dr. Uwe Kirschstein
Oberbürgermeister