Schule ist als Lern- und Sozialort unverzichtbar

Mit dem 15. Juni sind nun auch in Bayern die Schüler*innen aller Jahrgangsstufen an allen Schularten zum Präsenzunterricht zurückgekehrt. Doch noch sind wir weit entfernt vom Normalbetrieb, weil die Schulklassen weiterhin in Gruppen aufgeteilt werden. Der Unterricht findet wochenweise im Wechsel zwischen Präsenzunterricht und „Lernen zuhause“ statt.

Aus meiner Sicht sprechen der bisherige Verlauf der Corona Pandemie und die niedrigen Zahlen von täglichen Neuinfektionen jedoch dafür, dass wir auch in Bayern so schnell wie möglich zum Regelbetrieb zurückkehren sollten. In Sachsen, Schleswig-Holstein, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg will man dies bereits in den kommenden Wochen umsetzen. Man vertraut darauf, dass inzwischen ausreichend Wissen und Erfahrung vorhanden sind, um Schülerschaft und Lehrkörper durch geeignete Hygienekonzepte und Notfallpläne wirksam vor weiteren Infektionen mit Covid-19 zu schützen.

Mit ist natürlich bewusst, dass wir es hier mit einem schwierigen Abwägungsprozess zu tun haben. Wir müssen letztlich entscheiden, ob für unsere Gesellschaft die Gefahr von steigenden Neuinfektionen mit Covid-19 durch die Rückkehr zum Regelbetrieb in Schulen schwerer wiegt als die Folgen eines möglicherweise noch Monate oder gar Jahre andauernden „Homeschoolings“.

Für mich ist Schule Lernort und Sozialort gleichermaßen. Zum erfolgreichen Lernen braucht es geeignete Räume, geeignetes Lern- und Unterrichtsmaterial, aber vor allem gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Aus gutem Grund gibt es daher in Deutschland eine Schulpflicht, zu der auch gehört, dass Kinder nicht zuhause von ihren Eltern unterrichtet werden. Schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass der fehlende Präsenzunterricht der letzten Monate dazu geführt hat, dass die Leistungsschere zwischen Schüler*innen weiter aufgegangen ist. Die soziale Herkunft von Kindern spielt in Deutschland für deren Schulerfolg leider ohnehin eine viel zu große Rolle. Ich befürchte, dass Kinder, die zuhause nur wenig gefördert werden, diese Nachteile nur schwer wieder ausgleichen können. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das für Kinder im Grundschulalter und deren zukünftige Lese- und Schreibkompetenzen bedeuten mag. Für eine gute soziale Entwicklung brauchen Kinder vor allem andere Kinder. Es geht beim Schulbesuch also auch um Fragen der seelischen und körperlichen Unversehrtheit. Für diese sorgen aber nicht nur andere Kinder, sondern auch ein voller Bauch, beheizte Innenräume, Bewegung im Freien, eine feste Tagesstruktur und Erwachsene, die als Lehrer*innen sowie Schulsozialarbeiter*innen emotional da und zugewandt sind.

Wir alle haben als Gesellschaft den Schulen sehr viel Arbeit und Verantwortung übertragen. Wie viel heute wirklich in den Schulen geleistet wird, haben einige Eltern wohl erst jetzt während der Corona Pandemie gemerkt. Vielleicht steigen dadurch ja wieder Dankbarkeit und Respekt für die vielen Lehrkräfte, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen, Sekretariatsmitarbeiter*innen, Küchenkräfte, Hausmeister*innen sowie Reinigungskräfte.

Schule als Lern- und Sozialort ist die Voraussetzung, dass Deutschland als eine der führenden Wirtschafts- und Industrienationen funktioniert. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft wie unserer sorgt Schule auch für ausgeschlafene und konzentrierte Eltern, die beruhigt ihrer Arbeit nachgehen können, weil sie ihre Kinder in guter Obhut wissen.

Ihr

Dr. Uwe Kirschstein
Oberbürgermeister