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Stadtgespräch

Dr. Uwe Kirschstein

Liebe Forchheimerinnen und Forchheimer,

ich möchte Sie heute auf eine Ausstellung des Heimatkreises Braunau / Sudetenland e.V. hinweisen, die unter dem Titel „(Nicht) Gekommen um zu bleiben“ noch bis zum 23.09.2018 im I.OG der Hauptstr. 7-11 zu sehen ist. Aus meiner Sicht leistet diese Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen wie politischen Diskussion um Flucht, Migration und Integration, weil sie ein Schlaglicht auf die oft lange währende Frage aller Betroffenen wirft, ob da jemand „Gekommen ist um zu bleiben, oder nicht“.

Der Braunauer Heimatkreis wagt einen mutigen Blick zurück auf eine Ankunft in Forchheim, die zwar einerseits das Ende einer vielfach traumatisierenden Flucht und Vertreibung markierte, andererseits aber auch den Beginn von Trauer um verlorene Heimat und Identität sowie von Vorurteilen, Neid und Ausgrenzung. Ich vermute, das Wort „Flüchtling“ wurde auch bei der Ankunft der Sudentendeutschen von vielen in gleicher abwertender und zum Teil menschenverachtender Weise benutzt wie es heute getan wird. Auch wenn man mit der heimischen Mehrheitsbevölkerung durch gemeinsame Nationalität, Sprache und nicht zuletzt Kriegserfahrungen verbunden war, so war man doch fremd, irgendwie anders und schlicht eine Konkurrenz im Kampf um knappe Ressourcen. Wie oft mag wohl auch in Forchheimer Familien der Satz gefallen sein „halt dich fern von den Flüchtlingen“ und wie hartnäckig hat sich bis heute die Vorstellung gehalten, dass den Flüchtlingen damals alles geschenkt wurde, während die „eigenen Leute“ sich alles selbst erarbeiten mussten?

Wer seine Heimat nicht freiwillig, sondern bedingt durch Krieg oder wirtschaftliche Not verlässt, der kommt nicht an, um zu bleiben. Der kommt in der Regel an, um auf seine Rückkehr zu hoffen. Als in den 1950er Jahren etwa 400 Gemeinden, Städte und Kreise der noch jungen BRD Patenschaften für Städte und Kreise im ehemaligen Sudetenland übernahmen, drückte sich darin zunächst seitens der Mehrheitsgesellschaft eine offizielle Anerkennung der eigenständigen kulturellen Identität der Sudetendeutschen aus. So, wie in Forchheim, sollten die Patenschaften durch ein Bündel an Maßnahmen den Erhalt des Kulturguts und der kulturellen Identität der Sudetendeutschen sicherstellen. Ein Aspekt hierbei war vermutlich, dass es nicht wenige Heimatvertriebene gab, die auch zehn Jahre nach ihrer Ankunft immer noch auf eine Rückkehr in die alte Heimat hofften.

Die Menschen aus dem Braunauer Land sowie alle anderen Heimatvertriebenen haben nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren, was es bedeutet, ein Leben zwischen zwei Heimaten, zwischen zwei kulturellen Identitäten, zwischen einem DAVOR und DANACH zu führen. Später in der Geschichte der BRD kamen die Aussiedler und Spätaussiedler, die Gastarbeiter und nicht zu vergessen die vielen Millionen Menschen aus der ehemaligen DDR, die erst miterlebt hatten, wie ihr Staat in nur 11 Monaten abgewickelt wurde und sich dann aufgrund des katastrophalen wirtschaftlichen Niedergangs der ostdeutschen Länder als sogenannte „Ossis“ eine neue Heimat in den westdeutschen Ballungszentren suchen mussten.

Wir haben viel zu wenig darüber gesprochen, was diese Erfahrung mit Menschen macht, und warum man trotz einer neuen Heimat seine alte nicht loslassen kann.

 

Ihr

Dr. Uwe Kirschstein