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Wie der Marktplatz entstand. Geschichte einer Topographie des alten Forchheimer Südens (Teil 4)

4. Von der Flur Brand zum „neuen Graben“ und zum Seelgraben – Geschichte einer Topographie
Über die Zeit der Entstehung des Seelgrabens und die Gründe für seine Anlegung lassen sich nur ungefähre Angaben machen bzw. Vermutungen anstellen. Als hilfreich bei diesem Versuch erweist sich der Name „Seelgraben“. Wie unschwer zu erkennen ist, weist er auf das an den Weiher stoßende „Walburga-Seelhaus“, heute Anwesen Hornschuchallee 35 (lange Zeit Bäckerei Leyh, Gebäude Neubau von 1716) (11). Namenkundlich haben wir es demnach mit einer so genannten „Klammerform“ aus *Seelhausgraben zu tun. (Die Bezeichnung Seelhaus erklärt sich daraus, dass es sich um eine wohltätige Stiftung handelt, durch die der Stifter seinem Seelenheil näher kommen wollte.) Nachforschungen über dieses Seelhaus könnten also indirekte Aufschlüsse über den Seelgraben gewähren, was in der Tat der Fall ist.
 
So nennt und verortete eine nicht datierte Urkunde des Staatsarchivs Bamberg dieses Seelhaus in der vorstad bei dem neuen graben gelegen (12), die im selben Archivbestand unmittelbar vorausgehende Urkunde belegt das arm seelhauß für den 25. Juli 1589 (13); eine Stiftung für das „Arme Seelhaus“ wurde auch schon am 28. November 1581 getätigt (14). Der Seelgraben selbst ist dann in Amtsbüchern des Stadtarchivs Forchheim gut bezeugt: 1608 Seelgrab[en] (15), 1687 Seelkraben (16), 1708 Seelgraben (17) und 1750 Seel-Graben sowie Seel-Steeg (18). Die zuletzt angeführte Quelle beinhaltet ebenfalls eine für unsere Untersuchung höchst wertvolle Planskizze (19), die wir in nachstehender Foto-Aufnahme wiedergeben.
 
 
Skizze von 1750 - Seelgraben und Paradeplatz(Foto 6)
Seelgraben und Paradeplatz in einer (gesüdeten) Skizze von 1750. Die Linienführungen des West- und besonders des Ostufers sowie die gerade, schnittartige Abtrennung legen eine vormalige Einheit des Areals nahe: Es wird sich dabei – zumindest teilweise – um den einstigen „neuen Graben“ (den südlichen Stadtgraben) gehandelt haben. (Bildnachweis s. Anm. 19).
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das Auffällige an dieser Zeichnung ist einmal, dass der Paradeplatz – besonders in der Ostbegrenzung – die gebogene Uferlinie des Seelgrabens konsequent aufnimmt und nach Südwesten weiterführt; für die Westbegrenzungen gilt nahezu die gleiche Beobachtung. Zweitens sind das linear gezogene Südufer des Seelgrabens und parallel hierzu die ebenfalls gerade nördliche Grenzlinie des Paradeplatzes zu beachten: Man hat den Eindruck, dass hier ein zuvor ganzheitliches Gebilde planmäßig und schnittartig in zwei Teile getrennt wurde. Darauf ist noch einzugehen.
Doch zunächst zurück zur Frage der Zeitstellungen von Seelhaus und Seelgraben. Unser Nachweis des Seelhauses mit der Lagebezeichnung bey dem newen graben (s.o.) ist zwar urkundlich nicht datiert, doch wird er wohl in das erste Viertel des 16. Jahrhunderts zu stellen sein (20). Der vorgenannte „neue Graben“ ist bereits in städtischen Rechnungsunterlagen von 1431 belegt, wo Ausgaben in den newengraben beziffert sind (21). Ebenso finden wir häufig Nachweise von Zahlungen an den grabmeist(er) („Grabenmeister“) (22). Bei der Anlage des „neuen Grabens“ handelte es sich um eine fortifikatorische Maßname, die offenbar der damaligen südlichen, eventuell auch westlichen Stadtgrenze galt. Und natürlich gingen die Ausmaße dieses neu geschaffenen Grabens über die des späteren Seelgrabens hinaus: Er wird sich vom alten Reuther Tor, das sich nächst unserem Seelhaus befand, bis über das alte Nürnberger Tor (am Nordwestende des heutigen Paradeplatzes) hinaus erstreckt haben (s. die untere Planzeichnung). Dies würde auch die oben bemerkte einheitliche Oberflächengestalt von Seelgraben und Paradeplatz befriedigend erklären. Ebenso lässt der Begriff „Graben“ für ein Gewässer ja eher an eine länger gestreckte Oberflächenform als die des Seelgrabens denken. Ebenso lässt der Begriff „Graben, -graben“ doch eher an eine langgestreckte Vertiefung (vgl. „Stadtgraben“) als an einen bloßen Teich denken.
 
Zeichnung - der neue Graben(Foto 7)
Der „neue Graben(x) kurz vor seiner Teilauflassung gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Das Seelhaus (¦) befindet sich am nordöstlichen Ende des Grabens (ergänzte Zeichnung Daniel Burgers in: Burger, wie Anm. 22, S. 8).

 

 

 

 

 

 

 

Gespeist wurde der „neue Graben“ aus dem rechten Wiesentarm. Mit dem Bau der renaissancezeitlichen Festung von 1553 bis ca. 1610 war der nunmehr innerhalb der Stadtmauer befindliche Graben fortifikatorisch nutzlos geworden, und möglicherweise verlandeten und versumpften auch die von der Wiesent weiter entfernt liegenden Bereiche; beides hat offenbar deren Auflassung und Verfüllung motiviert. So entstand der 1696 erstmals unter diesem Namen erwähnte „Paradeplatz“ (23), davor war die Bezeichnung „neuer Markt“ gebräuchlich, die allerdings noch für das Jahr 1702 bezeugt ist (24). Beim Seelgraben handelte es sich also um den nordöstlichen Rest des „neuen Grabens“; der topographische Bezug zum Seelhaus trat nun stärker hervor und konnte so namengebend wirken. Gehen wir vom Namenbeleg
Seelgraben von 1608 (s. o.) und von der Errichtung des seinerzeitigen südlichen Wasserschlosses sowie des damaligen neuen Nürnberger Tores zwischen den Jahren 1567 und 1570 (25) als zeitlichen Eckdaten aus, so könnte die Auflassung und Auffüllung des westlichen Teils des „neuen Grabens“ gegen Ende des 16. Jahrhunderts erfolgt sein. Treffen die aus unseren Untersuchungen gezogenen Schlüsse zu, dann ist die Aussage von Kaupert (26) gegenüber Kupfer (27) bzw. Wenig (28), wonach sowohl Parade- als auch Marktplatz das Areal des früheren Seelgrabens darstellen, im Ansatz richtig, wenn auch undifferenziert in Bezug auf die historischen Abfolgen von Anlage, Auflassung und Benamung dargestellt. Doch drehen wir die Uhr der Geschichte noch etwas weiter zurück, ins 14. Jahrhundert: Was befand sich vor der Anlegung des „neuen Grabens“ an dieser Stelle? Hier erweist sich ein Beleg von 1644, in der eine obere Brantmühl genannt und von Förtsch als heutiges Anwesen Marktplatz 1 identifiziert wird (29), als sehr hilfreich. Der Name „Brandmühle“ (1371 Prantsmule) (30) weist auf einen Flurnamen „Brand“, der 1350 (mulner am prant) erstmals belegt wird, und mit dem ein Stück Land bezeichnet ist, das durch Brandrodung entstand (31). Mit jenem „Müller am Brand“ ist demnach der Beständner der Brandmühle, des heutigen Anwesens Marktplatz 1, bezeichnet. Dies beweist, dass sich auf dem Areal von Markt- und Paradeplatz im 14. Jahrhundert, also vor der Anlegung des „neuen Grabens“, ein Flurstück befunden hat, das einst, entweder durch einen planmäßigen oder zufälligen Brand, frei von Baumbewuchs gemacht wurde. Möglicherweise wollte man hier, so unmittelbar an der südlichen Stadtgrenze, aus Sicherheitsgründen ein frei einsehbares Feld haben.
 
Foto - Die drei Mühlen
(Foto 8)
Historischer Blick auf die südliche Zufahrt zum Marktplatz (linker Bildrand) und auf die sogenannten „drei Mühlen“. Letztere sind (von links) die Löhr-Mühle, (Marktplatz 3), die obere Brand- oder Farbmühle (Marktplatz 1, s. o.) und (jenseits der Wiesent) die Müllersche Mühle (Klosterstraße 2). Die Aufnahme muss vor 1928 entstanden sein, da der in diesem Jahr errichtete Westteil des Anwesens Marktplatz 1 (spätere Görres-Buchhandlung) noch nicht zu sehen ist. Neu- und Altbau wurden mit einer überbauten Durchfahrt verbunden (Bildnachweis: Privatbesitz Michael Wuttke).
 
 
Zusammenfassung
Die Entstehung von Marktplatz und Paradeplatz ließe sich demnach chronologisch wie folgt zusammenfassen. Auf der Flur „Brand“ entsteht zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus Befestigungsgründen der „neue Graben“, der sich vom alten Reuther Tor beim Walburga-Seelhaus bis hin zum alten Nürnberger Tor beim heutigen Anwesen Hauptstr. 66 (Sport Wolf) erstreckte, wahrscheinlich aber noch ein Stück darüber hinaus führte. Mit der Erweiterung des Festungsringes gegen Ende des 16. Jahrhunderts hatte der „neue Graben“ seine Schutzfunktion verloren und wurde teilweise zugeschüttet: Es entstand der „neue Markt“, später „Paradeplatz“ genannt; der nordöstliche Teil des „neuen Grabens“ bleibt zunächst als Torso erhalten und heißt nun „Seelgraben“. Dieser wird 1788 trockengelegt und aufgefüllt: Auf  seiner Fläche wird ein Platz geschaffen, der zunächst Viehmarkt, seit 1899 „Marktplatz“ genannt wird (32).
 
(11) Zur Identität und zum Baualter s. Wenig, Barbara: Von Haus zu Haus. Ein Blick in die Geschichte Forchheimer Häuser. 1995, S. 283.
(12) StABa A 153 Nr. 109. Archivnachweis und Transkription nach Besold-Backmund, Marlene: „Schetz sammelen, die von den Schaben nicht verzert, noch sunst gemyndert werden“ – Forchheimer Stiftungen vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In: Ammon, Hermann (Hg.): Forchheim in Geschichte und Gegenwart. Beiträge aus Anlass der 1200-Jahr-Feier. 2004, S. 137 – 156, hier S. 139.
(13) StABa A 153 Nr. 108. Zu Transkription und Datierung s. Besold-Backmund, wie Anm. 12, mit dortiger Anm. 20.
(14) StABa A 120 Nr. 1450. Zur Datierung s. Besold-Backmund, wie Anm. 12 mit dortiger Anm. 21.
(15)  StAFo, Erb- und Zinsregister Stadt Forchheim von 1608, fol. 150 r. und 174 r.
(16) StAFo, Urbar Forchheimer Katharinenspital von 1687, 67 v.
(17) StAFo, Urbar Kapitalienabzins von 1708, fol. 17 r.
(18) StAFo, Urbar Stadtgemeinde Forchheim, fol. 45 v. und 48 v.
(19) Ebda. zwischen fol. 58 v. und 59 r.
(20) Verfasser danken Herrn Dr. Klaus Rupprecht vom Staatsarchiv Bamberg für freundlichen Hinweis nach vorgenommener graphischer Analyse.
(21) StAFo, Amtsbücher (Rechnungsbuch von 1431) [o. Sign.], fol. 55 v. f.
(22) StAFo, wie Anm. 21, z. B. fol. 58 r. Vgl. auch Burger, Daniel: Burg und Festung Forchheim (Burgen, Schlösser und Wehrbauten in Mitteleuropa 19). 2004, S. 7.
(23) Wenig, wie Anm. 11, S. 431. Vgl. auch Förtsch, wie Anm. 10, S. 39.
(24) Wenig, wie Anm. 11, S. 429. Zum Beleg 1702 s. Förtsch, wie Anm. 10, S. 39.
(25) Burger, wie Anm. 22, S. 9.
(26) Kaupert, Johann Max: Ein Rundgang durch die Stadt Forchheim. In: Ders. (Hg.): Forchheimer Heimat. Ein Heimatbuch für den Stadt- und Landkreis Forchheim. 1951, S. 55 – 75, hier S. 57.
(27) Kupfer, Konrad: Forchheim. Geschichte einer alten fränkischen Stadt. 1960, S. 170.
(28) Wenig, wie Anm. 11, S. 387 und 429.
(29) Förtsch, Martin: Häuser-Chronik von Alt-Forchheim III. 1956, S. 30.
(30) StAFo, Urkunden (Stiftungsbrief Hinteres Nonnenhaus) o. Sign.
(31) Zu Beleg und Namensdeutung s. George, Dieter: Forchheimer Flurnamen in Zeugnissen des 14. Jahrhunderts. In: Blätter für oberdeutsche Namenforschung 26 (1989), S. 11 – 13, hier S. 14.
(32) zur Jahresangabe s. Wenig, wie Anm. 11, S. 388.
 
Quelle: Dieter George, Wie der Marktplatz entstand. Geschichte einer Topographie des alten Forchheimer Südens, in: Der Marktplatz. Geschichte und Zukunft einer urbanen Nahtstelle (Festgabe der Stadt Forchheim [Hg.] zum "Spatenstich" der Städtebaulichen Neugestaltung Marktplatz Forchheim im Rahmen des Projekts "Leben findet Innenstadt" 12. April 2008), S. 7 - 24.