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Wie der Marktplatz entstand. Geschichte einer Topographie des alten Forchheimer Südens (Teil 3)

3. Der Seelgraben in der lokalen Sage
Wahrscheinlich war der Seelgraben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer Kloake und Abfallgrube verkommen, was nicht ohne negative Auswirkung, wie oben bereits geschildert, auf die Gesundheit der Forchheimer blieb. Möglicherweise reflektiert die Lokalsage vom „tanzenden Hirsebrei auf dem Seelgraben“ ungewollt kurzwegige Entsorgungsgewohnheiten der damaligen Zeit. So soll sich folgende Begebenheit abgespielt haben:
Ein Vorfahre Adam Gerneths auf der Gastwirtschaft „Zum Marktplatz“ [!] am Seelgraben kam einmal von der Feldarbeit zum Mittagsmahl nach Hause, wo ihm seine Frau eine Schüssel dampfenden Hirsebreis auf den Tisch stellte. Der einfachen und oft vorgesetzten Speise überdrüssig, ergriff er den im Brei steckenden Löffel und schleuderte diesen mit einem lauten Fluch durch das Fenster in den angrenzenden Weiher. Zum Entsetzen des eben noch zornigen Mannes versank aber der Löffel mit dem Hirsebrei nicht in der Tiefe des Seelgrabens, sondern begann, auf der Wasseroberfläche im Kreise herumzutanzen, was den ganzen Tag andauerte und viele Neugierige anlockte. Als auch am nächsten Morgen der Spuk kein Ende nehmen wollte, eilte der Bauer in die Kirche, um über den rätselhaften Vorgang zu berichten und seinen vorausgehenden Frevel zu beichten. Als Buße wurden ihm ein kleines Gebet sowie für eine ganze Woche ausschließlicher Verzehr von Hirsebrei aufgetragen. Als der letzte Teller aufgegessen war, drehte sich der Löffel auf dem Wasser nochmals hin und her und wurde schließlich vom Seelgraben gnädig verschluckt (9). Bei dem genannten „Adam Gerneth“ handelt es sich möglicherweise um den 1835 als Eigentümer der Gaststätte „Zum Marktplatz“ belegten Landwirt („Ackermann“) Adam Gerner, der diese Geschichte über einen seiner Ahnen der Nachwelt überlieferte. Eventuell ist die Sage an eine bestimmte Familie (Gerner) gebunden, vielleicht auch an ein bestimmtes Haus (z. B. das jetzige Anwesen Marktplatz 8). Adam Gerner hatte dieses durch Heirat mit einer Gertraud Pflaum erhalten (10). Seine für eine „Sage“ doch erstaunlich konkreten Angaben, lassen ein „wahres“ oder historisches Urmotiv unserer kleinen Geschichte nicht ganz ausschließen.
 
Karikatur von Harald Winter - Tanzende Löffel
(Foto 4)
Karikatur Harald Winters "Tanzende Löffel"

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

Foto - Gast und Speisehaus Marktplatz

(Foto 5)
Die Sage vom „tanzenden Löffel mit dem Hirsebrei“ haftet möglicherweise an diesem Gebäude (spätere Gaststätte „Marktplatz“), das bereits zu Zeiten des Seelgrabens bestand (vgl. Wenig, wie Anm. 11, S. 393). Unsere Aufnahme (Privatbesitz Stefan Schick) entstand offenbar im Winter 1949/50, da die hier bereits ausgeschilderte „Private Handelsschule E. Ramsauer“ Anfang September 1949 eröffnet wurde (Fränkischer Tag 8.9.1949 (Nr. 105).

 

 

 

 

 

 

 

 

(9) Veröffentlicht in: Der fränkische Schatzgräber. 3. Jg. Nr. 8 (August 1925), S. 63. Eine Gaststätte mit Namen „Zum Marktplatz” am Seelgraben ist ein offenkundiger Anachronismus.
(10) Zur Jahresangabe und zu den Personennamen s. Förtsch Martin: Häuser-Chronik von Alt-Forchheim IV. 1957, S. 36.
Quelle: Dieter George, Wie der Marktplatz entstand. Geschichte einer Topographie des alten Forchheimer Südens, in: Der Marktplatz. Geschichte und Zukunft einer urbanen Nahtstelle (Festgabe der Stadt Forchheim [Hg.] zum "Spatenstich" der Städtebaulichen Neugestaltung Marktplatz Forchheim im Rahmen des Projekts "Leben findet Innenstadt" 12. April 2008), S. 7 - 24.